Diesen Ausdruck der bitteren Enttäuschung auf dem Gesicht meines Vaters werde ich niemals vergessen. Das Leben ist unfair, sicherlich hat er von ihm auch schon früher viel Ungerechtes abbekommen, aber diesmal sah es so aus, als wäre der Schmerz der ganzen Welt ihm durchs Herz gezogen. Dabei fing alles so wunderbar an. Seit drei Wochen hatte er eine neue Wohnung in Marzahn. Sie war noch nicht ganz eingerichtet, aber immerhin war das besser als das Leben in einem alten Haus auf dem Dorf, danach in einem Heim, wo er vorher ein Jahr lang lebte. Abends pflegte er seine Spaziergänge durch die Umgebung zu machen, die mehr Hamsterausflügen glichen, denn er brachte jedes Mal irgendein gebrauchtes Möbelstück oder ein anderen im Haushalt nützlichen Gegenstand nach Hause. Ich glaube, er hatte das Heimleben auch noch deshalb so schwer ertragen, weil er täglich an so manchen prächtigen Dingen vorbeigehen musste und sie nicht nach Hause mitnehmen konnte. Für seine bäuerliche Seele war das die größte Versuchung. Also, jetzt hatte er seine eigenen vier Wände und konnte sich so richtig austoben. Wie er uns danach erzählte, streifte er auch diesmal durch die Gegend und stieß plötzlich auf einen im Hof abgestellten Schrank. Vorsichtig pirschte er sich heran, um das Möbelstück zu begutachten. Da öffnete sich plötzlich oben im ersten Stock das Fenster, und ein Mann fragte ihn: “Brauchen Sie Möbel?” “Ja, wir sind erst umgezogen.” “Dann kommen sie doch rein.” Was der Vater drinnen zu sehen bekam, hatte ihn offenbar sehr beeindruckt. Er schwärmte danach von mit Gold verzierten Wandschränken, fein geschnitzten Stühlen und Tischen und sogar von einer weißen Schlafgarnitur. Es ließ sich nachher nicht nachprüfen, ob die Möbel tatsächlich so schön waren oder nur der Phantasie meines Vaters entsprangen. Eins stand nur fest - der Hausherr hatte ihm ein Angebot gemacht. “Ich muss bis Montag raus aus der Bude. Ziehe nach München um. Wenn du morgen um 12 Uhr hier bist, kannst du all diesen Kram hier ausräumen. Sonst hole ich eine Entrümpelungsfirma, und die säubert mir die Kammer.” “Ich kann sie schon in einer Stunde ausräumen…” bot sich eifrig der Vater an. “Glaube ich schon“, meinte lächelnd der Mann, „aber irgendwo muss ich ja heute Nacht noch schlafen. Also, dann bis morgen.”
Ich vermute, dass mein Vater den Weg zurück gelaufen war, weil er so schwer atmete, als er mich mitten in der Nacht anrief. “Sohn, du?.. Es ist eilig…” “Um Gottes willen, was ist passiert,” fragte ich voller Sorge. “Möbel… Ein Haus voll Möbel… Mit Gold verziert… Ich war schon der Vermutung nah, dass der Vater sich in die Sache mit der Möbelbeschaffung zu tief eingelassen und sich übernommen hat, wenn er sogar in der Nacht von diesem Thema nicht loskommen konnte. “Also, ich hab keine Zeit für unnötiges Geschwätz“ fuhr er fort. „Ich muss die anderen mobilisieren. Aber du stehst morgen genau um halb zwölf mit einem gemieteten Kleintransporter vor meiner Tür.“ Und entschlossen, wie er manchmal war, legte er den Hörer auf. Etwas später erklärte mir meine genauso aus dem Bett geholte Schwester, was eigentlich los war.
Am nächsten Vormittag, als ich mit dem gemieteten Lastwagen auf das Haus meines Vaters zusteuerte, hatten sich schon alle meine Verwandten versammelt. Nur der Auslöser der ganzen Unruhe fehlte noch. “Er vermisst alle Räume“, sagte meine Mutter spöttisch, „hat schon in aller Frühe damit angefangen. Rutscht mit dem Zollstock auf den Dielen rum und überlegt, wo er was aufstellen soll. Die Möbel, die er noch gar nicht hat.” Manchmal kann meine Mutter ganz schön giftig sein. “Die wir aber gleich bringen werden”, sagte mein Vater, der gerade in der Tür erschien. „Also, Jungs, los! Dort alles raustragen und vorsichtig ins Auto laden, damit nichts beschädigt wird. Los, los, was steht ihr noch rum?“ Da sich aber keiner von der Stelle rührte, fragte er: „Na, was denn?“ “Ja, wohin denn? Die Adresse?” Und da sah ich gerade diesen jämmerlichen Ausdruck auf Vaters Gesicht. Er sah aus, als ob ihn die ganze Welt verraten hätte. In der eingetretenen gespannten Stille hörten wir einen derben aufschreienden Fluch: “Diese verdammte Großstadtadressenscheiße. Muss man sich alles immer merken?” Genauer, in der Freude und in der Eile, die Verwandtschaft zu mobilisieren war er einfach davongelaufen und hatte sich nicht einmal die Gegend gemerkt.
Lachend und witzelnd über diese unglaubliche Geschichte zogen wir durch die Gegend, in der Hoffnung, doch noch die Wohnung zu finden. Vergebens. Irgendwann musste ich meinen unglücklichen Vater darauf aufmerksam machen, dass wir für den Lastwagen nach Stunden bezahlen und es teuer für ihn werden kann. In der Zwischenzeit hat mein Vater zum dritten Mal die Möbel gewechselt. Auch der großzügige Mann war bestimmt schon seit Langem in München. Aber immer noch, wenn mein Vater diese Gegend passiert, so behauptet es meine Mutter jedenfalls sarkastisch, soll er nach der richtigen Haus- und Eingangstür suchen.
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31.03.2010
Die Möbel für meinen Vater