“Wie jetzt? - Vergessen?”
Sophies Ungläubigkeit verschaffte sich mit Entrüstung Gehör. Ihr Gesicht kräuselte sich zu einem Fragezeichen. Ihre jüngere Schwester Sarah schlug natürlich auch in die Kerbe: “Du hast es doch versprochen.!” Die vorwurfsvollen Blicke meiner Töchter beschämten mich. “Tut mir leid, ich hab’ es eben vergessen! Herrje, ich hab’ tausend Dinge im Kopf. Regt Euch ab! Ich geh’ schnell noch mal, bevor die Mittagshitze zuschlägt.”
“Also ich will Erdbeer und Vanille!”
“…und ich Erdbeer und Schoko!” Mit diesen Zurufen machte ich mich auf den Weg, um das gewünschte Eis zu besorgen. Die Sonne stand an diesem Samstag schon fast im Zenit. Der hohe Flug der Schwalben, ihr Kreischen und ein Flirren in der Luft verhießen einen sehr warmen Sommertag. Der verlangte geradezu nach einer leckeren Erfrischung. Vor allem verlangte ein gegebenes Versprechen danach, das Versprechen, die Kinder für ihre guten Zeugnisse mit einer Portion Eis zu belohnen.
Aus diesem Anlass schenkte ich den Kindern gewöhnlich Bücher. Diesmal ließ ich mich wegen der angekündigten Wärme dazu hinreißen, die Belohnung noch zu versüßen. Beim Verlassen des Hauses empfing mich gleißendes Licht. Die Wärme wirkte wie eine Wand und drosselte meinen Schritt. Die unbarmherzige Sonne goss ihre brennenden Strahlen in unsere Straße. Ich wagte nicht, schneller zu gehen. Warum musste ich beim üblichen Wochenendeinkauf am Vortag auch dieses Eis vergessen? Langsam quälte ich mich durch die schattenlose Straße. Ich stellte mir vor, wie das Eis auf dem Rückweg schmelzen würde. Schlimmer war allerdings die Vorstellung, am Samstagvormittag einzukaufen. Ich vermied es seit langem. Ich hasste es. Das Angebot lässt nach, die Geschäfte sind zu voll und die Menschen wuseln rücksichtslos umher, nur darauf bedacht, möglichst schnell in i h r Wochenende zu kommen.
An diesem Tag blieb mir nichts anderes übrig als mich auf das unselige Gewusel einzulassen. An der Hauptstraße angekommen, glaubte ich die Vorstufe zur Hölle erreicht zu haben. Ein Flimmern waberte über dem Asphalt, der selbst kurz vor dem Brodeln zu sein schien. Der tosende Verkehr wälzte den weichen Asphalt breit. Die stickige Luft verschlug mir den Atem. Natürlich schaltete die Ampel gerade wieder auf rot. Das scheint eine Gesetzmäßigkeit zu sein: Wann immer ich in die Nähe dieser Ampel komme, leuchtet mir rotes Licht entgegen. Die Ampel kann mich nicht leiden, ganz eindeutig. Das Gesetz ist das von Murphy, wonach von zwei oder mehreren Möglichkeiten immer die ungünstigere zutrifft, auch ganz eindeutig.
Diese Ampelanlage hat überhaupt so einige Merkwürdigkeiten. Sie ist wegen ihrer Launigkeit in der Gegend sogar verschrieen; besonders bei Hitze oder Kälte zeigt sie gewisse Abnormitäten. Als braver Bürger harrte ich in der Gluthitze am Straßenrand aus. Nach und nach kamen andere Fußgänger hinzu. Nach wenigen Sekunden standen wir in einer Reihe an der Bordsteinkante. Zügig sammelten sich weitere Fußgänger an. Schon bildete sich eine ganze Traube. Alle waren ungeduldig, unruhig, mit den Hufen scharrend. Nur wir, die wir in der ersten Reihe standen, quasi in der Pole-Position, starrten auf die Ampel der gegenüberliegenden Seite als hätte irgendein imaginärer Befehlshaber das Kommando erteilt: “Augen geradeaus!” Die Kolonne der Fahrzeuge wollte kein Ende nehmen. Der Gestank und die Lautstärke der brüllenden Motoren brachten die Gluthitze an den Rand der Erträglichkeit. Schließlich tauchte nach einem Bus doch eine Lücke auf. Die eben noch hinter mir trampelnden Fußgänger hielten inne als hätten sie jetzt endlich ebenfalls das Kommando erhalten. Jeder meinte wohl, die Ampel müsste in den nächsten Sekunden grünes Licht signalisieren. Die gefühlte normale Wartezeit war längst abgelaufen. Nein, die Ampel hatte ihre eigene Frequenz, die mit Unregelmäßigkeit zu beschreiben eine sehr gelinde Charakterisierung wäre. Alle verharrten in konzentrierter Anspannung wie Leichtathleten vor dem Sprint. Die Straße war frei, die Ampel leuchtete noch immer rot.
Als die Schar der Wartenden erkannte, dass die Ampel nicht umsprang, begann erneut ein Zappeln und Trampeln als hätte der unsichtbare Kommandeur befohlen: “Rührt Euch!” Die Ampel blieb stur, die Straße frei. Keiner wagte in Anwesenheit so vieler Wartender bei rot die Straße zu überqueren. Da zuckte ein Mann in der ersten Reihe, der wohl glaubte, exakt den Moment des Signalwechsels vorhersehen zu können. Denkste! Die Ampel blieb rot. Von dem Zucken ließ sich ein zweiter Mann mitreißen. Aha! - Einer, der mutmaßlich gemeinhin zu den Mitläufern zählen mochte! Beide verharrten wieder in der Startposition. Nach dem Zucken des zweiten Fußgängers sah sich der erste genötigt, seinen Beinahe-Frühstart mit einem Räuspern zu kaschieren. Der andere tarnte seinen peinlichen Vorstoß mit einem genervten Blick auf seine Armbanduhr und begleitete diese allzu betont ausgeführte Geste mit einem leichten Murren, das wohl eher ein angedeuteter Protest gegen seinen Erst-Vorprescher als gegen die lange Wartezeit war. Der Erst-Vorprescher wiederum fühlte sich erneut peinlich berührt und schob seinem Räuspern ein Hüsteln nach. Wahrscheinlich half ihm das nicht, die Peinlichkeit abzuschütteln. Ungeduldig richtete er den Blick zunächst auf seine Uhr und anschließend voller Verachtung auf den Nachäffer. Bei den übrigen Wartenden ließ sich ein beginnendes Grinsen kaum unterdrücken. Die Ampel grinste immer noch rot und auf der Straße waberte lediglich das flimmernde Gemisch aus Hitze und Abgasen. Gerade schien es so als wollte die wartende Traube in gemeinschaftlichem Protest gegen diese schikanöse Lichtsignalanlage aufbegehren.
Plötzlich schoss rechts an der Menge eine blonde Walle-Mähne vorbei - mitten auf die Straße. Unter der langen Mähne ein Jeans-Minirock, der mit jedem Schritt demonstrativ hin und her geschwenkt wurde, darunter nackte Beine, die nackten Füße in Flip-Flops, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie an dem weichen Asphalt oder an den Füßen ihrer Trägerin kleben bleiben sollten. Mit einem doppelt schmatzenden Geräusch wurde jeder Schritt der zierlichen jungen Frau zu einer Herausforderung, die sie nicht davon abhielt, den kurzen Rock aufreizend in Bewegung zu halten. Die wartende Menge schien aufschreien zu wollen, beließ es aber beim jeweiligen Luftholen und einem im Ansatz erstickten Ausdruck der Missbilligung. Hatte der imaginäre Kommandeur befohlen: “Stillgestanden!”?
Alle standen stramm und verharrten wie auf Kommando ganz regungslos in der Warteposition. Nur eine keifende Frauenstimme war zu hören, die das Kind an ihrer Seite belehrte: “Sowat macht man aba nich, bei rot üba de Straße!” Der Minirock pendelte jetzt noch provokativer um die nackten Beine. Na endlich! Die Ampel grünte! Dem Signal folgend betrat ich die Fahrbahn, war aber im selben Moment für einen Sekundenbruchteil verunsichert. Warum gingen denn die anderen nicht? Doch! Die Ampel war grün. Während ich meinen Weg fortsetzte, warf ich aus den Augenwinkeln einen verstohlenen Blick zurück zu der noch immer wartenden Traube und sah, dass alle auf den geschwenkten Minirock und die nackten Beine starrten, die in Flip-Flops gegen den weichen Asphalt kämpften. Das grüne Signal der Ampel nahm sonst niemand wahr. Lag es am eigenwilligen Takt der Ampel oder reagierte sie vor lauter Zorn oder auf die nackten Beine? Die Ampel errötete und ließ die Traube erneut warten. Hinter mir hörte ich das bekannte Räuspern und Hüsteln.
Dem Eis gab ich auf dem Rückweg kaum Gelegenheit zu schmelzen. Außerdem hatte ich auf wundersame Weise grüne Welle. Keine Flip-Flops, kein Hüsteln, kein Murphy.
von Marlis Altenburg

