Den Koffer warf sie in die Ecke. Hanna war wütend, ihre Geduld am Ende. Tränen rannen ihr über die Wangen. Das sollte der Urlaub auf Rhodos gewesen sein! Seit zwei Jahren kannte sie Wolfgang, besser: Sie glaubte, ihn zu kennen. Diese Reise in den Süden sollte für beide etwas Besonderes werden.
Wie oft hatte sie ihm vorgeschwärmt, wie schön es wäre, am Strand spazieren zu gehen, abends in den Tavernen bei Wein und Musik zu sitzen. Jetzt wusste sie nicht, ob sie ihn wiedersehen wollte. Hanna dachte an die Ausflüge ins Umland Berlins, die Theaterbesuche und die gemütlichen Abende zurück. Alles war wunderschön gewesen! Jeder hatte seine Wohnung behalten, schließlich waren sie beide siebzig Jahre alt und wollten ihr eigenes Heim nicht aufgeben. Voll Sehnsucht spürte sie seine zärtlichen Hände an ihrem Körper. Wie oft war sie in seinen Armen eingeschlafen! Jetzt war alles anders. Am dritten Urlaubsmorgen wollte er schon nicht mehr mit ihr frühstücken. Angeblich wollte er ausschlafen. Ein eigenes Programm, diese Worte hatten sie am meisten entsetzt. Abends war er schnell ermüdet. Hanna saß an jedem zweiten Abend allein beim Wein, Wolfgang schlief bereits. Baden im Meer, er kam nur einmal mit ins Wasser. Er mochte das Salzwasser nicht. Sie, eine begeisterte Schwimmerin, ging in der zweiten Woche allein zum Strand. Er fuhr in sämtliche Museen der Stadt. Sie hatte schon nach zwei Tagen zu viele Tonkrüge gesehen. Beide sprachen beim Rückflug nur noch wenige Worte miteinander.
Drei Tage nach der Rückkehr hatte Hanna ihren Koffer ausgeräumt, die Wäsche lag im Schrank. Der Alltag fühlte sich leer an. Sie dachte an die Stunden zurück, die beide in den letzten Jahren verbracht hatten. Alles war harmonisch gewesen. Und jetzt? Vorbei? Zwei Wochen später entdeckte sie im Theaterspielplan Wolfgangs Lieblingsstück “Nathan der Weise”. Hanna ertappte sich bei dem Gedanken, zwei Karten kaufen zu wollen. Nur nicht nachgeben, der schreckliche Urlaub! Dann ging sie doch zur Theaterkasse, die beiden Karten brannten wie Feuer in ihrer Hand. Sollte sie ihn anrufen?
Am Sonntag, beim Kaffeetrinken, klingelte es. Es war sein Klingelzeichen, kurz und zweimal lang. Sollte sie öffnen? Ihr Stolz regte sich, zögernd stand sie hinter der verschlossenen Tür. Hanna öffnete vorsichtig, Wolfgangs Gesicht war durch einen großen Strauß roter Rosen, den er mit beiden Händen hielt, nicht zu sehen. Zögernd ließ sie ihn eintreten. Als die Rosen längst in der Bodenvase ihrer Großmutter standen, entdeckte sie auf dem Tisch ein kleines Päckchen. Sie öffnete es und hielt Theodor Storms Novelle “Späte Rosen” in den Händen. Ihr Lieblingsdichter!
Eine Woche später saßen Hanna und Wolfgang gemeinsam im Theater. Spät kehrten sie in ihre Wohnungen zurück, um für ein paar Tage eigene Wege zu gehen.
von anonym

