Teure Fahrten*Teure Fahrten * Auf dem Bahnsteig der Berliner U-Bahn fiel mir sofort eine Familie meiner Landsleute aus Russland auf. An einem Fahrkartenautomaten stand gestikulierend der Familienvater, umringt von Frau und drei Kindern, und schimpfte aufgebracht auf Russisch: „Das ist doch nicht zu fassen! 11 Euro für eine einfache Fahrt! Diese Bahn … Alles Räuber!“ Als er merkte, dass ich die Sprache verstehe, wandte er sich zu mir: „Ich begreife nicht, wie man bei diesen Preisen in Deutschland über die Runden kommen kann.“ Eigentlich war ich über die Fahrkosten auch nicht besonders glücklich, aber so schlimm fand ich es auch wieder nicht. „Mir reicht’s irgendwie aus“, sagte ich ziemlich gelassen, was mein Gegenüber sofort auf Hundertachtzig brachte. „Dann verstehe ich überhaupt nichts mehr! Wir verfahren doch mehr, als im Monat in die Haushaltskasse kommt. Sparen schon an allen Ecken und Enden, kommen zu fünft für Essen und Kleidung mit 200 Euro im Monat aus. Wir laufen wie die Bettler in alten Klamotten herum, weil wir uns nichts Besseres leisten können. Und doch reicht es hinten und vorne nicht. Im vorigen Monat musste ich von gerade mal 1.200 Euro Einkommen die Hälfte, 600 Euro, allein für die Fahrkarten ausgeben. Und in diesem weiß ich überhaupt nicht, wie wir über die Runden kommen, weil wir noch öfter unterwegs sind. Halsabschnei-der sind das alles bei der Bahn, alles Banditen!“ Irgendwie kam mir die Geschichte merkwürdig vor, und ich fragte lächelnd mit etwas Skepsis in der Stimme: „Seit ihr Tag und Nacht unterwegs?“ „Das Übliche, du weißt schon. Zweimal im Monat zum Sozialamt, wo ich die ganze Familie dem Sachbearbeiter vorführen muss, sonst kriege ich kein Geld. Dann zum Arbeitsamt, zur Familienkasse, zur Krankenkasse, zum Wohnungsamt. Du kennst das ja, wie man hier von einem Beamten zum anderen gejagt wird. Jeden Tag hast du eine Strecke zurückzulegen. Jetzt sind wir unterwegs zum Bundesverwaltungsamt, wo uns endlich die nötigen Papiere ausgestellt werden sollen.“ „Dann lasst euch doch in einer Limousine kutschieren“, bemerkte ich witzelnd. „Das täten wir gern, aber wir armen Sünder sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.“ „Wie kommt ihr eigentlich zu solchen Summen?“, wun-derte ich mich. „Rechne doch mal selbst nach: Mit der Straßenbahn bis zur U-Bahn – 2,10 Euro pro Ticket, also muss ich 11 Euro hinblättern. Dann mit der S-Bahn noch mal soviel. Dasselbe dann noch mal für die Fahrt mit dem Bus. Insgesamt 33 Mäuse nur in eine Richtung. Und dasselbe noch zurück …“ Jetzt erst ging mir ein Licht auf: In unserer alten Heimat, in Russland, wurde für jede einzelne Fahrt in jedem Verkehrsmittel, beim Einsteigen in den Bus, die Straßenbahn oder die U-Bahn – auch beim Umsteigen – ein neues Ticket gekauft. „Hat euch denn niemand erklärt, dass in Berlin eine Fahrkarte für alle Transportmittel gültig ist? Und das für ganze zwei Stunden.“ „Für zwei Stunden?“ Meine Worte trafen meinen Ge-sprächspartner wie ein Blitz. „Und die zwei Kleinsten dürfen überhaupt kostenlos fahren“, füge ich hinzu. „Kostenlos?“, wiederholte er mit blassen Lippen. „Und für jeden Erwachsenen ist eine Monatskarte mit Er-mäßigung für vierzig Euro zu kriegen“, holte ich meinen letzten Überraschungstrumpf heraus. „Für fünf Personen hätte euch der ganze Spaß gerade mal zweihundert im Monat gekostet.“ „Zweihundert Euro im Monat …“ Der Mann kam aus dem Staunen nicht heraus. „Vierhundert Euro Ersparnis …?“ Sein Gesicht hatte dabei solch einen gequälten Ausdruck angenommen, dass ich mich vorsichtshalber zwischen ihn und den einfahrenden Zug stellte. Zum Abschied schüttelte mir der Familienvater so kräftig die Hand, als ob ich ihm das Leben gerettet hätte. Alexander Reiser
Als ich eines Tages bei uns in der Gegend herumstromerte, stieß ich plötzlich auf ein Plakat an der Wand, auf dem ein Integrationsprojekt ankündigt wurde über ‚… das Nomadenleben der Russlanddeutschen als Rentier-züchter’, ihre ‚Vorliebe für Hundegespannfahrten …’ und ‚Erfahrungen mit dem Schamanismus…’, und versprochen wurde, nichts zu verheimlichen. Ich glaubte erst, das sei ein Witz, weil ich aber schon so manche wirre Geschichte über mein bunt gemischtes Völkchen gehört hatte, machte ich mich auf den Weg zum Veranstaltungsort. Der geräumige Saal war für eine Veranstaltung zum Thema Russlanddeutsche erstaunlich gut besucht. Zwar, wie sich bald herausstellen sollte, von einem sehr bunten Publikum, von dieser Art neugieriger Mitbürger, die gerne aus der warmen Stube in Berlin von Sibirien oder dem Hohen Norden schwärmen und auch die Kälte um Minus 50 Grad, die Schneestürme und sogar die monatelange Polarnacht aufregend und romantisch finden. Und als ob man sie so richtig auf ihre Kosten bringen wollte, stürmte bei nunmehr gedämpftem Licht plötzlich eine als Schamanin gekleidete Frau in die Runde, die ohrenbetäubend auf ein Tamburin einhämmerte, heftig über den Boden stampfte und sich mit einem eintönigen Gurgelgesang „Ho-o-jjo- ho-o-jjo“ auf das Publikum wie auf böse Geister stürzte, deren Vertreibung der Tanz auch darstellen sollte. Die Freude der Freunde rauer Natur stieg dabei ins Unermessliche.
„Schöne Lieder haben die Russlanddeutschen“, war jetzt eine exaltierte Dame neben mir vor Begeisterung außer sich. „Schade, dass ich eure Sprache nicht kenne und nichts verstehe.“ Ihre Nachbarin setzte noch eins drauf: „Die sind dort noch so natürlich, so animalisch.“ Und die Frau in der Schamanenkleidung schonte sich nicht, um jede Hürde zu nehmen, um das ‚Animalische’ in uns zum Vorschein zu bringen. Erst als das vernichtend geschlagene Böse aus dem Raum gestampft war, nahm die Tänzerin Platz auf dem Podest und erzählte zu meinem großen Erstaunen über den gewöhnlichen Alltag unseres Nomadenvölkchens.
„Bei uns im Hohen Norden, in der Eiswüste am Polarmeer, in der Tundra, wo die Durchschnittstagestemperatur bei minus 45 Grad liegt, müssen die Männer jeden Morgen ihre Rentiere einspannen und trotz der Polarnacht zur Herde herausfahren. Wir Frauen führen den Haushalt, passen auf das Feuer in unseren aus Rentierfellen gebauten Zelten auf, bearbeiten die Pelze von erlegten Silberfüchsen. Wenn aber das Wetter schön ist, dann gehen wir zur Jagd auf junge Robben hinaus auf das vom Eis gepanzerte Meer. Die Robben sind zu den Menschen so vertrauensvoll wie kleine Kinder, sodass man sich mühelos in einer weißen Tarnkleidung an sie heranschleichen kann, um ihnen die Kugel genau zwischen die Augen zu jagen, damit der Pelz nicht beschädigt wird.“ Im Saal setzte eine angespannte Stille ein, weil diese Offenbarung den Naturfreunden wohl sauer aufstieß: Eine Kugel als Dank für das Vertrauen passte überhaupt nicht in ihr Konzept von der Romantik des Nordens. „Das Tier zuckt noch in Agonie, solange du zu ihm eilst“, fuhr die Erzählerin unbeeindruckt mit ihrer Geschichte fort. „Mit einem gekonnten Messerschnitt schlitzt man ihm den Bauch auf. Danach steckt man seine frierenden Hände in das warme Gedärm, um sie aufzuwärmen, es sind immerhin 45 Grad Minus da draußen. Dann reißt man als erstes die noch zuckende Leber aus dem Leib, um sofort von dem warmen Stück abzubeißen. Das zergeht nur so auf der Zunge, dieser zartfrische, blutgetränkte Klumpen – wie ein Stück Schokolade, und nichts schmeckt besser auf der Welt!“
Den Zuhörern war jetzt nicht mehr nach der Begeisterung der Erzählerin zumute, manche schauten sich fieberhaft nach einer dunklen Ecke oder einer Papiertüte um, wo sie sich hätten übergeben können. „Von einer noch lebendigen, zuckenden Robbe?“, fragte sichtlich bestürzt ein junger Mann dumm nach. „Roh hat sie einfach mehr Vitamine und ist gut gegen Skorbut“, klärte die Erzählerin weiter bereitwillig auf. „Genauso wie das frische Rentierblut. Bei größeren Ereignissen in unserem Wintercamp wird ein Tier geschlachtet. Man trennt ihm die Schlagader an der Kehle durch und fängt das pulsierende Blut in einem Kessel auf, den man dann der Reihe nach erst den Alten, dann den Jungen und schließlich den Kindern in der Runde herumreicht. Jeder darf einen Schluck von dem Lebenssaft nehmen. Mit etwas Glück kann man sogar einen 136 Klumpen schon geronnenes Blut herauszischen und langsam wie Eis im Mund zergehen lassen.“ „Sagen Sie, muss alles roh gegessen werden?“, wollte nun die vorher so begeisterte Dame wissen. „Nein, selbstverständlich kommt auch was Gekochtes auf den Tisch. Ich persönlich mag das aus einem ge-kochten und danach mit einer Axt gespaltenen Ren-tierkopf gewonnene Gehirn. Auch mag ich gekochte Augäpfel, weil man bei uns glaubt, dass, wer sie aufisst, dann besser sehen kann.“
Da hatte das Publikum sichtlich genug von unseren kulinarischen Gewohnheiten und so versuchten die Damen neben mir, den Gast auf ein angenehmeres Thema zu lenken: „Sagen Sie, welche Musik spielt ihr Russlanddeutsche da oben?“ „Nach der gelungen Robbenjagd lässt man die Hunde den Schlitten durch die Schneewüste ziehen, satt und zufrieden stimmt man eine Melodie auf einer Maultrommel an. Und am Abend, wenn wir uns in einem Stammzelt aus Rentierfellen versammeln, dann singen wir unsere Volkslieder.“ Und die Vortragende holte ihr Tamburin und hämmerte wieder darauf ein, dabei stimmte sie ein eintöniges Gurgellied an: „Oj-oj-oj-ju, Jo-jo-jo-j-ju.“
„An welchen Gott glaubt ihr Russlanddeutschen da oben?“, wollte jetzt das Publikum wissen. „Ich bin eine überzeugte Schamanistin und glaube an die guten und bösen Geister. Dass der Schamane sie besänftigen, vertreiben oder auch in die Irre führen kann. Zum Beispiel heiße ich in Wirklichkeit ‚Schnelle Silberfüchsin’, aber um die bösen Geister zu täuschen, spre-chen mich alle mit ‚Lena’ an: Wenn die Geister dann in die Siedlung kommen, um die Menschen zu belauschen und die ‚Schnelle Silberfüchsin’ zu finden, weil sie sie krank machen wollen, werden sie sie nicht finden, weil sie nur von einer ‚Lena’ zu hören kriegen. Deswegen ist bei uns niemand das, was er tatsächlich ist. Wenn wir trotzdem krank werden, dann gehen wir nicht zum Arzt, sondern bitten die Schamanen, die bösen Geister aus unserem Körper zu vertreiben. Auch wenn ich in Berlin lange keine Sonne mehr sehe, dann hole ich mein Tamburin und beschwöre die Bösewichter, aus unserer schönen Stadt zu verschwinden. Und schon haben wir bald wieder gutes Wetter.“ „Ich habe gehört, dass Stalin die Russlanddeutschen in den Norden deportiert hat? Hat es auch Ihre Familie betroffen?“ „Nein. Wir haben schon immer am Eismeer gelebt, schon meine Ahnen sind als Nomaden mit Rentier-herden durch die Gegend gezogen. Wohin soll man uns denn noch nördlicher wegsiedeln?“
Als Zuschauer konnte ich inzwischen über dieses Durcheinander und die gut gemeinte Neugierde nur noch den Kopf schütteln. Mein Nachbar, der freundlich auf mich zukam, hatte meine Skepsis bemerkt: „Sind sie auch aus Russland?“, fragte er und erklärte weiter: „Das ist meine Frau. Eigentlich bin ich der Russlanddeutsche, sie stammt aus dem Volk der Tschuktschen, der Ureinwohner. Wir haben uns da oben im Norden kennen gelernt, wo meine Eltern in der Verbannung waren. Alls wir nach Deutschland gekommen sind und ich erzählte, dass wir in unserer Familie gewöhnlich Weihnachten und Ostern gefeiert haben, wollte mir das keiner glauben. Von ihren Geschichten aber können sie nicht genug kriegen. Vergeblich habe ich versucht, sie zu überzeugen, dass es nicht die Russlanddeutschen sind, die als Nomaden mit ihren Rentierherden durch die Eis-wüste ziehen und an Schamanen glauben. Irgendwie haben die Hiesigen so ihre eigenen Vorstellungen von all dem, was aus der Russlandecke kommt, Sibirien, Schnee, Wodka und weiterer Exotik, und sie sind nicht mehr davon abzubringen.“ Und als ob er recht gehabt hätte, beobachten wir die Begeisterung im Saal, wo die Frau meines Freundes die Zuschauer gerade in die Kunst einweihte, wie man aus einem Wurf kleiner Halswirbelknochen eines Silberfuchses die Zukunft eines Stammes lesen kann.
Alexander Reiser

